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Der Energiemarkt befindet sich in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Volatile Beschaffungspreise, ein wachsender Anteil erneuerbarer Energien, regulatorische Anforderungen sowie die zunehmende Elektrifizierung von Wärme und Mobilität verändern die Rahmenbedingungen für Energieversorgungsunternehmen (EVU) grundlegend.
Beitrag Nr. 11 der Veröffentlichungs-Reihe der Anbieter der Prosumer-Plattform Initiative.
Der Energiemarkt befindet sich in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Volatile Beschaffungspreise, ein wachsender Anteil erneuerbarer Energien, regulatorische Anforderungen sowie die zunehmende Elektrifizierung von Wärme und Mobilität verändern die Rahmenbedingungen für Energieversorgungsunternehmen (EVU) grundlegend. Gleichzeitig entwickeln sich immer mehr Endkund:innen von passiven Stromabnehmern hin zu aktiven Prosumern mit steuerbaren Assets wie Wärmepumpen, Elektrofahrzeugen oder Batteriespeichern.
Trotz dieser Entwicklungen dominieren weiterhin klassische Fixtarife den Markt. Im Jahr 2024 nutzten rund 73 % der europäischen Haushalte Verträge mit festen Preisen. Diese Tarife sind etabliert und prozessual gut beherrscht, bilden jedoch weder Markt- noch Netzsignale ab und leisten keinen aktiven Beitrag zur Flexibilisierung des Energiesystems. Neue Tarifmodelle wie dynamische oder flexible Tarife wurden bislang meist nur in Pilotprojekten oder Nischen eingeführt.
Die Gründe dafür sind vielfältig: hoher Implementierungsaufwand, komplexe Abrechnungsprozesse in bestehenden Kernsystemen, fehlendes Know-how sowie eine begrenzte Investitionsbereitschaft in neue Strukturen. Hinzu kommt die geringe Bekanntheit solcher Tarife bei Endkund:innen. Ein Report von ACER zeigte Anfang 2025, dass mehr als die Hälfte der Haushalte noch nie von dynamischen Stromtarifen gehört hatte. Eine weitere zentrale Hürde ist die langsame Verbreitung intelligenter Messsysteme, die für viele flexible Tarife Voraussetzung sind.
Gleichzeitig zeigen Länder mit hoher Smart-Meter-Durchdringung, etwa Norwegen oder Holland, dass sich flexible Tarifmodelle bei passenden Rahmenbedingungen erfolgreich etablieren. Es ist daher davon auszugehen, dass sich mit zunehmender Smart-Meter-Verfügbarkeit auch in Deutschland neue Tarifmodelle durchsetzen werden.
Neue Tarifmodelle gewinnen für EVUs zunehmend an Bedeutung, da sie Markt- und Netzzustände besser abbilden und neue Kundengruppen adressieren können. Gleichzeitig bestehen erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich Wirtschaftlichkeit, Umsetzung und Skalierbarkeit. Während Fixtarife für Endkund:innen vor allem Planbarkeit und Einfachheit bieten, ermöglichen dynamische und flexible Tarife zusätzliche Kosteneinsparungen, Transparenz und Flexibilitätsnutzung und fördern somit private Investitionen in die Energiewende.
Die begleitende Grafik verdeutlicht diesen Zielkonflikt:

Je stärker ein Tarif an Markt- oder Netzsignalen ausgerichtet ist, desto höher ist potenziell der ökonomische Nutzen für Endkund:innen, gleichzeitig steigt jedoch auch die Komplexität. Rein dynamische Tarife bieten maximale Preistransparenz, setzen aber ein hohes Maß an Verständnis oder technische Automatisierung voraus. Vereinfachte Modelle wie Formelprodukte oder zeitvariable Tarife reduzieren diese Komplexität, indem sie Volatilität glätten oder zeitliche Anreize bündeln.
Für EVUs entsteht daraus eine strategische Abwägung. Flexible Tarife sind weniger planbar als klassische Fixtarife und erfordern neue Fähigkeiten im Portfoliomanagement, in der Abrechnung und in der Kundenkommunikation. Viele bestehende Kernsysteme sind historisch auf statische Preislogiken ausgelegt und können dynamische Tarife nur mit erheblichem Anpassungsaufwand abbilden.
Zusätzliche Unsicherheiten ergeben sich aus regulatorischen Entwicklungen, etwa beim Smart-Meter-Rollout, bei zeitvariablen bzw. zukünftig dynamischen Netzentgelten oder bei neuen Modellen wie Energy Sharing. Auch Sonderfälle wie Mieterstrom oder gemeinschaftliche Gebäudeversorgung zeigen, dass sich klassische Tariflogiken zunehmend auflösen und neue Abgrenzungs- und Abrechnungsmechanismen erforderlich werden.
Neue Tarifmodelle lassen sich entlang von Zielgruppen, Risikoprofilen und technischen Voraussetzungen strukturieren. In der Praxis sind mehrere Grundformen möglich, die miteinander kombiniert werden können und unterschiedliche Grade an Marktnähe und Komplexität abbilden.

| Tarifmodell | Charakteristik | Geeignete Zielgruppen |
|---|---|---|
| Dynamischer Tarif | Vollständig spotpreis-basiert, hohe Volatilität | Preissensible, technikaffine Kund:innen |
| Formelprodukt | Dynamischer Preis mit Offset, Kappung oder Faktor | Breite Kundengruppen mit moderatem Risiko |
| Zeitvariabler Tarif | Feste Zeitfenster mit unterschiedlichen Preisen | Haushalte mit steuerbaren Lasten |
| Happy-Hour-Tarif | Zeitlich begrenzte Niedrig- oder Nullpreise | Haushalte mit flexiblem Verbrauch |
| Flex-Bonus-Tarif | Bonus-/Guthabenlogik bei Flexibilität | Risikoscheue Kund:innen |
| Lokale / regionale Tarife | Bezug auf regionale Erzeugung | Regional orientierte Kund:innen |
Rein dynamische Tarife orientieren sich direkt an den Spotpreisen der Strombörse. Sie bieten maximale Transparenz und Einsparpotenziale, setzen jedoch Automatisierung oder hohes Preisverständnis voraus. Ohne unterstützende Systeme bleibt ihr Nutzen für viele Haushalte begrenzt.
Formelprodukte kombinieren dynamische Preise mit festen Auf- oder Abschlägen, Multiplikatoren oder Preisobergrenzen. Dadurch wird Volatilität reduziert und die Planbarkeit erhöht. Sie stellen einen pragmatischen Mittelweg zwischen Marktnähe und Einfachheit dar.
Dynamische Tarife in Kombination mit zeitvariablen Netzentgelten incentivieren eine netzdienliche Verbrauchsverlagerung. Sie gewinnen mit der Verbreitung steuerbarer Lasten an Bedeutung und verbinden individuelle Kostenvorteile mit systemischem Nutzen.
Ergänzend dazu haben sich Happy-Hour- und Flex-Bonus-Tarife als besonders kundennahe Ausprägungen etabliert. Happy-Hour-Modelle bieten zeitlich begrenzte Niedrig- oder Nullpreisfenster, während Flex-Bonus-Tarife flexibles Verhalten über Boni, Gutschriften oder Flex-Credits belohnen. Solche Modelle – wie sie beispielsweise im britischen Markt eingesetzt werden – knüpfen bewusst an bekannte Fixpreislogiken an, reduzieren wahrgenommene Risiken und senken Einstiegshürden.
Darüber hinaus gewinnen zukünftig lokale oder gemeinschaftsbasierte Tarife bei Stadtwerken an Bedeutung, etwa Bürgerstrommodelle mit regionaler PV- oder Windstromerzeugung. Neben Preisvorteilen spielen hier Regionalität, Transparenz und Identifikation mit der Energiewende eine zentrale Rolle.
Die Beispiele zeigen: Kein Tarifmodell erfüllt alle Anforderungen gleichermaßen. Erfolgreiche EVUs kombinieren zukünftig unterschiedliche Modelle zu einer differenzierten Tariflandschaft, häufig aufbauend auf bekannten Fixpreisstrukturen.
In frühen Innovationsphasen setzten viele EVUs auf geräte- oder segmentspezifische Tarife, etwa für Wärmepumpen oder Elektrofahrzeuge. Diese Ansätze zielten darauf ab, unterschiedliche Verbraucherprofile besser abzubilden. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass der Mehrwert für Endkund:innen häufig begrenzt blieb.
Ohne Automatisierung mussten Kund:innen ihr Verhalten aktiv anpassen, um Einsparungen zu realisieren. Das führte zu hoher Komplexität bei geringem Nutzen. Zudem sind viele dieser Tarife statisch und reagieren nicht auf dynamische Markt- oder Netzbedingungen. Entsprechend gelten sie heute zunehmend als nicht mehr zeitgemäß.
Zukunftsfähige Tarifmodelle sind smart und gehen über die reine Preislogik und manuelle Optimierung hinaus. Der entscheidende Hebel liegt in zusätzlichen Produkten, die echten Mehrwert schaffen. Die Produktangebote sollten hierbei weder den Kundennutzen noch die Marge des Energieversorgungsunternehmen schmälern, im Gegenteil sie sollten eine Verbesserung auf beiden Ebenen erzielen. In einem Markt mit hohen Wechselraten ist Attraktivität der zentrale Faktor für Kundenbindung.
Analysen zeigen, dass Kund:innen für EVUs häufig erst nach Ablauf der Mindestvertragslaufzeit wirtschaftlich profitabel werden. Hohe Abwanderung wirkt sich daher direkt negativ auf die Wirtschaftlichkeit aus. Die Antwort liegt in einem Perspektivwechsel: Energieversorgungsunternehmen sollten mehr sein als reine Energielieferanten, die im Hintergrund agieren und lediglich zum Monatsende mit einer Abrechnung bei den Kund:innen aufscheinen. EVUs sollten kontinuierlichen Mehrwert bieten, etwa durch smarte Flexibilitätsprodukte.
Die gezielte Erschließung von Haushaltsflexibilität ermöglicht Einsparungen für Endkund:innen und zusätzliche Handels- und Optimierungspotenziale für EVUs. Diese smarten Produkte führen zu höheren Akzeptanz-, Adoptions- und Nutzungsraten im Vergleich zu klassischen dynamischen Tarifen, da sie für die gesamte Kundenbasis erhältlich sind.

Die Einführung smarter Tarife erfordert kein disruptives Vorgehen, sondern ein schrittweises, kontrolliertes Vorgehen. Zentrale Erfolgsfaktoren sind eine klare Zielgruppendefinition, Pilotprojekte und einfache Kommunikation.
Ein fokussierter Pilot ermöglicht es, Annahmen zu validieren und den Kundennutzen messbar zu machen. Auf dieser Basis können Tarife iterativ weiterentwickelt und skaliert werden. Komplexe Mechanismen müssen dabei in klare, monetäre Nutzenversprechen übersetzt werden.
Eine der größten Hürden für flexible Tarife ist die geringe Prozesseffizienz bestehender Kernsysteme. Abrechnung, Vertragsmanagement und Marktkommunikation sind häufig auf statische Tarife ausgelegt. Flexible Tarife führen zu manuellen Sonderfällen, hohen Abrechnungskosten und langen Durchlaufzeiten.
Die Einführung neuer Tariflogiken in Kernsystemen ist meist zeit- und kostenintensiv und verzögert den Go-to-Market. EVUs, die auf schlanke Umsysteme mit modernen Schnittstellen setzen, haben hier einen klaren Vorteil: Sie ermöglichen Automatisierung, senken operative Kosten und beschleunigen die Markteinführung.
Tarifvielfalt ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Klassische Fixtarife werden auch künftig relevant bleiben, müssen jedoch intelligent weiterentwickelt werden. Erfolgreiche EVUs denken Tarife nicht mehr nur als Preismodell, sondern als langfristigen Service, der kontinuierlichen Mehrwert bietet.
Flexible Tarife entfalten ihr Potenzial nur dann, wenn sie verständlich gestaltet, technisch automatisiert und prozessual effizient umgesetzt werden. Entscheidend ist nicht maximale Komplexität, sondern die Fähigkeit, Komplexität gezielt zu managen und in konkreten Kundennutzen zu übersetzen.
Mit einer modularen Software-Architektur und klaren Go-to-Market-Strategien können EVUs neue Tarifmodelle wirtschaftlich, skalierbar und kundenorientiert realisieren und sich damit nachhaltig im Wettbewerb differenzieren.
Podero ist eine Softwareplattform für Energieversorger, die die Energiekosten von flexiblen Energiegäten wie Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge und Ladesäulen, Wechselrichter und Batteriespeicher um über 25% senkt. Energieversorger führen Podero über unsere White-Label Web-App ein oder integrieren unsere API in ihre Apps. Die Software steuert Geräte nach der kundeneigenen PV-Produktion, den Spot-Strompreisen und der Regelenergiemärkten. Podero ermöglicht Energieversorgern die aggregierte Geräteleistung auf den Energiemärkten zu handeln und so eine Win-Win-Situation für Verbraucher und Energieversorger zu schaffen. Zu Podero’s Kunden gehören E.ON, TotalEnergies, oekostrom, KELAG und viele weitere europäische Energieversorger.
exnaton ist ein Spin-off der ETH Zürich und bietet eine Intelligence-Plattform, die Energieversorger befähigt, über ihre ERP-Systeme smarte Stromprodukte skalierbar umzusetzen. Seit der Gründung im Jahr 2020 unterstützt exnaton mit modularen Softwarelösungen rund 50 Energieversorgungsunternehmen im DACH- und Benelux-Raum bei der effizienten Umsetzung digitaler Geschäftsmodelle wie dynamischen und zeitvariablen Tarifen, Mieterstrom und Energy Sharing. Die Vision von exnaton ist es, als Technologieführer die Energiewende aktiv mitzugestalten und erneuerbare Energien für alle zugänglich zu machen.